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31.05.2007
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Kultur Die Zukunft des Urheberrechts

"Jede Revolution macht erst einmal Angst"

Die Zukunft des Copyrights und der Verbreitung schöpferischer Werke ist das Thema beim ersten Urheberrechtsgipfel, zu dem der internationale Autoren- und Komponistenverband Cisac in Brüssel eingeladen hat. Industrievertreter, Politiker und Künstler diskutieren darüber mit Vertretern von Verbraucherverbänden sowie Urheber- und Autorengesellschaften.

Zu den Teilnehmern gehört auch Mercedes Echerer. Die österreichische Schauspielerin und Moderatorin saß von 1999 bis 2004 für die Grünen im EU-Parlament und engagiert sich besonders in Urheberrechtsfragen. tagesschau.de sprach mit ihr über die weitere Entwicklung des Copyrights sowie die Chancen und Risiken der digitalen Techniken für die Künstler.

tagesschau.de: Trotz Strafandrohungen boomen Tauschbörsen und Raubkopien weiter - ganze Länder verabschieden sich quasi von der konsequenten Durchsetzung des Urheberrechts. Hat das Copyright im 21. Jahrhundert überhaupt noch eine Chance?

Mercedes Echerer (Archivbild) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Mercedes Echerer ]
Mercedes Echerer: Ja, ich denke schon. Ein wesentlicher Faktor ist das Geld: Jeder möchte mit seiner Leistung etwas verdienen: der kreative Teil, der Vertrieb, der Handel. Der Konsument möchte dagegen Geld sparen. Das Publikum, das sich für eine künstlerische Arbeit interessiert, ist bereit, eine Abgeltung zu zahlen. Aber als Konsument schaue ich auch, wo ich das, was ich will, am billigsten bekomme. Dem müssen wir entgegenkommen.

Nicht den Endverbraucher kriminalisieren

tagesschau.de: Die Industrie scheint ja momentan vor allem auf repressive Maßnahmen zu setzen, die sich vornehmlich gegen den Endverbraucher richten - ist das die richtige Strategie?

Videoplattform YouTube Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: ]
Echerer: Den Endverbraucher zu kriminalisieren ist ganz falsch. Wenn wir den Verbraucher zum Verbrecher machen, treiben wir nur noch mehr Keile zwischen die Betroffenen: die Kreativen, das Publikum und die Transporteure der Werke, die wir ja auch brauchen. Wir müssen uns deshalb an einen Tisch setzen - auch und gerade mit den Konsumenten. Die sehen die Situation heute ein wenig anders als noch vor sechs, sieben Jahren: Sie wollen Vielfalt und sind bereit, dafür zu bezahlen. Dabei verlangen sie aber auch Offenheit, Transparenz und Dialog von den Urhebern und den Vertreibern.

Stichwort: Das Copyright meint - im Gegensatz zum Urheberrecht, dass das geistige Eigentum bezeichnet - das ökonomische Recht auf ein Werk. Vornehmlich dient es dazu, wirtschaftliche Interessen zu schützen. Inhaber des Copyrights sind oft nicht die Künstler, sondern Unternehmen, die die Rechte gekauft haben - etwa Verlage oder Produktionsfirmen. Problematisch ist die Durchsetzung eines Rechtsanspruchs für diese Unternehmen im Internet, weil das Copyright international nicht einheitlich geregelt ist.

tagesschau.de: Sehen sie noch Chancen für die großen Medienkonzerne, die verpasste Entwicklung wieder aufzuholen?

Echerer: Jede Revolution bringt aber auch sehr viele Veränderungen für alle Betroffenen - und damit zunächst einmal Angst. Ich glaube, dass große Konzerne in der Regel eine Lösung finden, mit den neuen Gegebenheiten umzugehen, wenn zum Teil auch sehr verspätet. Aber es entwickelt sich auch sehr viel Neues: kleine unabhängige Unternehmen wie zum Beispiel die Independent Music Companies Association Impala, die Musikern ohne Plattenvertrag hilft, ihre Werke zu vertreiben.

"Telekommunikationsfirmen haben jetzt schon mehr Macht"

tagesschau.de: Können solchen Projekte wie Impala oder andere Unternehmen einmal die großen Medienkonzerne als Verteiler von Werken ablösen?

Echerer: Das tun sie bis zu einem gewissen Grad jetzt schon. Ich glaube außerdem, dass, was die Verteilung angeht, die Telekommunikationsunternehmen schon jetzt mehr Macht haben als Medienkonzerne. Gerade in der digitalen Welt haben sie immer mehr Möglichkeiten, die sie auch nutzen.

Stichwort: Impala (Independent Music Companies Association) ist ein internationaler Verband unabhängiger Musikunternehmen - insgesamt sind dort über 3500 Musikproduzenten und -verleger organisiert. Ziel des Vereins ist es nach eigenen Angaben, die kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Musikbranche zu fördern. Außerdem versucht der Verband, neue Wege der Vermarktung und Bezahlung von Kulturschaffenen zu ermöglichen.

tagesschau.de: Sie glauben also, das es sinnvoller ist, neue Strukturen zu schaffen als in aufwändige technische Systeme zur Sicherung des Copyrights zu investieren?

Echerer: Ja, ganz sicher. Es gibt wunderbare technologische Möglichkeiten zur Vergütung von digitalen Medien. Sie können aber nicht funktionieren, wenn der Künstler keinen Einfluss darauf hat, wie die Tarife festgesetzt werden und auf welchen Plattformen er präsent ist. Das mag vielleicht noch für einzelne Stars lukrativ sein - nicht jedoch für die weniger bekannten restlichen 95 Prozent des kreativen Sektors.

Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass kleinere Institutionen zur Wahrung des Copyrights untergehen, wenn Vertriebe sich international den günstigsten Anbieter von Rechten suchen. Eine Verwertungsgesellschaft im Ausland kann meine künstlerischen Urheberrechte aus der "analogen Zeit" kaum überprüfen, bietet sie aber unter Umständen günstig an einen lokalen Internet-Verwerter an. Der Künstler tritt dann quasi mit sich selbst in Konkurrenz, wenn Konsumenten die gleiche Leistung in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Preisen erhalten kann.

tagesschau.de: Inzwischen werden auch radikalere Modelle wie die Kultur-Flatrate entwickelt, bei der alle Urheber- und Verwertungsrechte freigegeben werden und die Künstler pauschal vergolten werden. Sind solche Modelle realistisch?

Echerer: Nein, das glaube ich nicht.

"Große Chancen für die Kreativen"

tagesschau.de: Sie sehen für die Kreativen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen in dieser Entwicklung?

Echerer: Ja, ich sehe ganz große Chancen. Ganz wichtig ist, dass wir Kreativen Vertrauen in unsere Vertretungen wie die Verwertungsgesellschaften und Künstlerverbände haben, und dass wir ihnen einen klaren Auftrag geben, wie sie für uns verhandeln sollen. Dazu müssen wir aber auch wissen, wie es auf der "anderen Seite" aussieht, und fragen: Wie viel investiert ein Vertrieb dafür, dass mein Werk zum Konsumenten transportieren könnt? Wir wissen voneinander viel zu wenig. Es heißt nur immer: "Das große Geld wird von den anderen gemacht."

Das Gespräch führte Wulf Rohwedder, tagesschau.de.

Stand: 31.05.2007 11:35 Uhr
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