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Source:  http://www.tagesschau.de/ausland/interviewbaars100_page-2.html

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07.09.2011

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Interview zum 11. September: Die Grenzen des Journalismus
Interview mit Ex-New-York-Korrespondent Baars

"Der 11. September hat uns die Grenzen aufgezeigt"

Lesen Sie in diesem Beitrag:

tagesschau.de: Hätten Sie damals damit gerechnet, dass die USA mit einer solch großangelegten Kampagne wie dem "Krieg gegen den Terrorismus" auf die Anschläge reagieren?

Baars: Dass die USA damals ankündigten, die Drahtzieher der Anschläge zu verfolgen und zur Strecke zu bringen, hat mich nicht überrascht. Der Krieg gegen Afghanistan, um dort Al Kaida auszuschalten, hat ja einmütige Zustimmung gefunden. Ich habe noch nie erlebt, dass der UN-Sicherheitsrat nach nur 24 Stunden einstimmig eine Resolution verabschiedet und damit einen Krieg legitimiert hat. Was später geschah, nämlich ohne wirkliche Beweise und ohne ein Mandat der Vereinten Nationen einen Krieg gegen den Irak anzufangen, ist natürlich ein ganz anderes Thema.

Journalisten haben Fehler gemacht

tagesschau.de: Es gibt heute, zehn Jahre nach den Anschlägen, viele Kritiker der Berichterstattung. Ein Vorwurf: Viele Journalisten hätten sich von der Bush-Regierung instrumentalisieren lassen. Wie sehen Sie das?

Baars: Die Kritik ist in Teilen berechtigt - wir müssen uns heute fragen, ob wir alles richtig gemacht haben. Die Kollegen zum Beispiel, die damals in Washington waren und in Pressekonferenzen und Hintergrundgesprächen von der US-Regierung informiert wurden, haben den Krieg gegen den Terrorismus anders wahrgenommen und weitervermittelt, als ein Korrespondent in New York, der über die Debatten und die Konflikte aus Sicht der Vereinten Nationen berichtete. Das führte dann manchmal zu der Situation, dass der Korrespondent in Washington - nicht selbst, sondern in seiner Funktion als Berichterstatter - die Kriegsbegründung von George W. Bush referierte, während ich in New York berichtete, was der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan dazu sagte - nämlich, dass der Krieg gegen den Irak völkerrechtswidrig sei.

Ich glaube, dass ich versucht habe deutlich zu machen, dass zum Beispiel die Argumente für den Irak-Krieg nicht überzeugend waren. Etwa nach der Diashow, die der damalige US-Außenminister Colin Powell dem Sicherheitsrat präsentierte, um die angeblichen Massenvernichtungswaffen im Irak zu beweisen.

Die Medien haben manchmal Informationen zu schnell übernommen, die von der amerikanischen Regierung lanciert worden waren - vor allem in den USA selbst. Die "New York Times" hat sich später dafür förmlich entschuldigt. Natürlich sind deutsche Korrespondenten in den USA auch durch das geprägt, was sie in den amerikanischen Medien hören und lesen, und so haben wir deren Falschinformationen teilweise zu schnell übernommen.

Grenzen der Berichterstattung

tagesschau.de: "Zu schnell übernommen", sagen Sie. Was für Lehren können Journalisten aus den Fehlern ziehen?

Baars: Technisch sind wir heute in der Lage, sehr schnell zu berichten. Genau das stellt aber Korrespondenten vor eine schwere Aufgabe. Denn es ist schlicht und einfach unmöglich, nach nur wenigen Minuten eine einigermaßen fundierte Einschätzung zu geben. Es ist hilfreich, wenn man wenigstens noch eine halbe Stunde Zeit hat, um Informationen zu sammeln und sich ein Bild zu machen.

Ich habe aus dem 11. September gelernt, mich, wenn ich denn schon sofort berichten muss, nur auf das zu beschränken, was ich mit eigenen Augen gesehen habe oder hundertprozentig weiß. Und wenn ich andere Quellen verwende, ganz deutlich zu machen, was möglicherweise für Interessen dahinterstehen. Vor allem aber habe ich gelernt, um mehr Zeit zu kämpfen, damit ich Informationen sammeln kann, bevor ich eine Einschätzung abgebe. Qualität muss vor Schnelligkeit gehen.

Ein wichtiger Grund für die Beschleunigung des Nachrichtengeschäfts sind zweifellos die technischen Möglichkeiten. Aber der 11. September hat die Schwierigkeiten und die Grenzen einer solchen Berichterstattung deutlich gemacht.

Die Fragen stellte Jan Oltmanns, tagesschau.de

Stand: 07.09.2011 17:31 Uhr
 

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