Tim O'Reilly: Web 2.0 ist das Google-Zeitalter
22. Oktober 2008, 17:03
Uhr
Tim O'Reilly, amerikanischer Verleger und Vordenker in der
Internet-Industrie, ist der Erfinder des Begriffs „Web 2.0". Das „Mitmach-Web", das die kollektive Intelligenz
der Internetnutzer einsetzt, das Internet als offene Plattform begreift und
allen geschlossenen Systemen den Untergang prophezeit, hat nach seiner Ansicht einen klaren Sieger: „Web 2.0 ist das
Google-Zeitalter", sagt O'Reilly am Rande der Web 2.0 Expo in Berlin. Auf die IBM-Ära mit den Großrechnern folgte die Microsoft-Ära mit den
Personalcomputern, und nun seien wir in der Internet-Ära angekommen, die man
besser Google-Ära nennen sollte", war sich O'Reilly schon 2006 sicher.
Als nächsten großen Schritt im Internet sieht er die Übertragung
des Web 2.0 auf das Mobiltelefon. „Google hat das schon sehr gut
verstanden.
Daher haben sie Android entwickelt. Sie wissen: Ihr Geschäftsmodell ist
in
Frage gestellt, denn das Mobiltelefon ist die nächste große Plattform.
Standortabhängige Dienste werden zu einer sehr wichtigen Komponente im
dann
mobilen Internet", sagte O'Reilly. Google habe das richtige
Geschäftsmodell für
das mobile Internet: „Sie nutzen frei verfügbare Software und schenken
den
Handyherstellern das Betriebssystem. Das Einzige was sie wollen: Es
soll wie das Internet funktionieren. Google hat eine gute Chance, das
Rennen im mobilen Internet zu machen. Auch Apple ist gut aufgestellt",
sagte O'Reilly.
Microsoft gehe die Sache dagegen falsch an. „Microsoft versucht, das
alte
Geschäftsmodell auf Mobiltelefone zu übertragen. Das Modell bedeutet,
dass die
Hersteller Microsoft dafür bezahlen, ihr Betriebssystem auf den Handys
einsetzen
zu dürfen. Das wird nicht funktionieren", sagte er.
Eine große Zukunft sagt er
auch dem so genannten Cloud Computing voraus. Dabei werden die Daten in riesigen
Rechenzentren und nicht mehr auf den heimischen Computern abgelegt, so dass die
Anwender über schnelle Internetleitungen immer auf diese Daten zugreifen
könnten: „Sicher, Cloud Computing ist, wie Larry Ellison richtig gesagt hat,
ein Geschäft mit niedrigen Margen. Aber auch das PC-Geschäft hat niedrige
Margen und ist trotzdem riesengroß. Cloud Computing wird definitiv die
Spielregeln im Internet ändern. Cloud Computing wird das niedrig-margige Seite des
Geschäfts werden; Geschäfte wie das Google-Modell, die auf Netzwerkeffekten beruhen, sind die Seite
mit den hohen Margen", sagte O'Reilly.
Schon 2006 hat er auch vorausgesehen, dass Ebay in Schwierigkeiten kommen werde. "Ebay ist ein wichtiger Anbieter, aber keine Quelle der Innovation. Sie haben
viel Technikentwicklung ausgelagert. Ich glaube, Ebay wird innerhalb der
nächsten drei Jahre aufgekauft - oder sie müssen sich mit einem anderen
Unternehmen zusammenschließen", sagte O'Reilly damals. Auch die vielen jungen
Web-2.0-Unternehmen könnten die Platzhirsche nicht gefährden.
"Der Markt bereinigt sich. Web 2.0 wird sich ganz klar auf die wenigen großen
Internetunternehmen konzentrieren. Jetzt passiert genau das, was in der ersten
Internetwelle passiert ist: Die großen Unternehmen erhöhen die
Markteintrittsbarrieren für die kleinen Anbieter oder übernehmen sie. Das
Geschäftsmodell vieler Web 2.0 Start-ups baut ja gerade darauf auf, von den
großen Unternehmen aufgekauft zu werden", sagte O'Reilly vor zwei Jahren. Er sollte recht behalten. Jetzt sieht er die Bereinigung in vollem Gange.
Vom sozialen Netzwerk Facebook und seinem Gründer Mark Zuckerberg
hält er übrigens viel. „Facebook ist noch schwierig zu verstehen. Aber Mark Zuckerberg
hat was. Aber noch wissen wir nicht, wie das Geschäftsmodell der sozialen Netzwerke
am Ende aussehen wird", sagte O'Reilly.
Photo: Christian Thiel
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