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Source:  http://www.jochenenglish.de/wordpress/?p=183



Englisch und Sport

Bei enpaed haben wir schon des öfteren diskutiert, warum das entsprechende französische Gegenstück frenchprofs so ein verschnarchter Verein ist, gerade mal 144 Mitglieder (Stand: 04.12.06) und insgesamt geringe Aktivität. Unter den verschiedenen Erklärungen fand sich interessanterweise immer wieder dieselbe: „Französischlehrer sind halt so, unkooperativ bzw. -kommunikativ, wurschteln lieber selber vor sich in …“. Wenn das selbst Französisch-Lehrer sagen, muss wohl was dran sein.

schiedsrichter.jpgDiese Diskussion hat mich dazu gebracht darüber nachzudenken, wie denn Sportlehrer „so sind“ und wie Englisch und Sport sich zueinander verhalten. Beeinflussen die beiden Fächern sich gegenseitig und falls ja, wie? Zumindest für mich ganz persönlich habe ich viele Gemeinsamkeiten entdeckt, zentral sind für mich die beiden Bilder des Trainers und des Schiedsrichters. Wenn im Folgenden von „Sportlehrer“, „Sportler“ etc. die Rede ist, heißt das natürlich nicht, dass ich irgendeinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebe, im Grunde meine ich immer nur mich selbst.

Üben

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Repetitio mater omnium (Wiederholung ist die Mutter aller Dinge)

Im Sport ist es etwas ganz normales, dass man ständig üben, trainieren und wiederholen muss. Selbst bei austrainierten Profis ist es ganz selbstverständlich, dass sie jeden Tag mehrere Stunden lang immer wieder dieselben Bewegungen üben. Üben hat normalerweise keinen negativen Beigeschmack von „stupide, mechanisch, langweilig“. Natürlich macht z.B. Ausdauer- bzw. Krafttraining nicht immer Spaß, aber die Einsicht in die Notwendigkeit ständigen Übens ist normalerweise vorhanden. Wenn ich eine Bewegung längere Zeit nicht übe, wird sie schlechter, im Extremfall habe ich sie ganz ver-lernt und muss wieder von vorne anfangen. Am eindrucksvollsten sehe ich das selber immer wieder beim Jonglieren. Während der Sommerferien kann ich täglich üben und mir neue Tricks erarbeiten. Im Herbst habe ich keine Zeit mehr für regelmäßiges Üben mit der Folge, dass die neu erarbeiteten Tricks wieder völlig „weg“ sind. Nicht nur, dass ich sie nicht mehr flüssig jonglieren kann, ich kann sie überhaupt nicht mehr.

Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich überhaupt kein Problem damit, dass meine Schüler ständig etwas vergessen und wir permanent wiederholen und üben müssen. Egal, ob es sich um Lautschrift, conditional sentences oder Wortschatz handelt, wenn wir es nicht regelmäßig wiederholen, ist das meiste davon nach kurzer Zeit wieder weg. Im Studium haben wir alle mal von der Vergessenskurve nach Ebbinghaus gehört, in der Praxis wird sie aber oft genug ignoriert. So wie es wenig Sinn macht, wenn mir jemand im Herbst vorwirft, dass ich die Tricks, die ich im Sommer gelernt habe, nicht mehr beherrsche, macht es auch wenig Sinn, meinen Schülern in der 9ten vorzuwerfen, dass sie die Lautschrift, die sie (falls überhaupt) in der 5ten gelernt haben, schon längst wieder vergessen haben. Ich spare mir diesen fruchtlosen Diskussionen und übe in dieser Zeit lieber.

Kein Fussballer erwartet, dass das Torschusstraining dadurch „interessanter“ und „motivierender“ wird, dass der Trainer z.B. Luftballons ans Tor hängt oder nach erfolgreichem Torschuss Gummibärchen verteilt. Viele Lehrer haben aber ein schlechtes Gewissen, wenn einfach nur ohne zusätzlichen Schnickschnack geübt wird. Oft kommen sie schon mit einer defensiven Entschuldigungshaltung daher: „I know, conditional sentences are rather boring …“. Diese Haltung ist einem Trainer völlig fremd; er weiß, dass es ohne ständiges Üben nicht geht und sieht deshalb keinen Grund sich dafür zu entschuldigen.

Disziplin, Regeln und Strafen

Alle Welt betrachtet es als ganz normal, dass kein Fussballspiel ohne Disziplin, Regeln und Strafen (oder freundlicher ausgedrückt „Sanktionen“) funktionieren würde. Kein Mensch hat ein Problem damit, dass es nach einem Foul im STRAFraum einen STRAFstoß gibt und dass ein Spieler nach einem rüden Tritt mit einem Platzverweise beSTRAFt wird.

In der Schule ist alles ganz anders. Warum eigentlich? Sind es nicht die gleichen Kinder, die morgens in der Schule und nachmittags im Fußballverein sind? Schon unsere verbalen Verrenkungen reflektieren unsere Unsicherheit und Verwirrung. Selbstverständlich gibt es keine STRAFaufgaben mehr, das sind jetzt alles ÜBUNGS- bzw. ZUSATZaufgaben. Kein Schüler muss mehr „zur Strafe“ nachmittags dableiben, er bekommt jetzt eine NACHarbeit. Ändert sich durch diese ganz Euphemismen irgendetwas für den Schüler? Natürlich empfindet er die Nacharbeit als Strafe und genauso ist sie ja eigenlich auch gedacht.

Warum wird um das Thema Strafen in der Schule so ein Riesengedöns gemacht? Das fängt schon mit der gebetsmühlenhaft wiederholten Behauptung an: „Strafen sind wirkungslos.“ Als Schiedsrichter (und natürlich auch z.B. als Verkehrsteilnehmer) kann man über so einen Quatsch nur schmunzeln. Natürlich wirkt die Androhung von Strafe nicht bei jedem, sonst hätten wir nicht so viele Raser und Fussballer würden spätestens nach der ersten gelben Karte mit ihrem rüden Spiel aufhören. Aber aus dieser Tatsache den Schluss zu ziehen, dass Strafen grundsätzlich verwerflich und unwirksam sind, ist m.E. kompletter Unsinn.

schiri.jpgNatürlich würden wir alle gerne OHNE Strafen auskommen und wir probieren ja auch alles Mögliche bevor wir eine Strafe aussprechen. Aber gerade jüngere Kollegen glauben oft, dass sie pädagogisch versagt haben, wenn sie einen Hin- oder Verweis nach Hause schicken. Wieder hilft der Vergleich mit einem Fussball-Schiedsrichter: Hat der Schiedsrichter versagt, wenn er einen Spieler wegen eines Fouls verwarnt bzw. vom Platz stellt? Kein Mensch käme auf so einen Blödsinn. Auch ein guter Schiedsrichter redet erstmal mit einem Spieler, verwarnt ihn mündlich, versucht ihn zu beruhigen etc., aber wenn alles nichts hilft, muss er eben zu härteren Maßnahmen greifen. Wieviel einfacher wäre vieles im täglichen Kleinkrieg, wenn wir diese Schiedsrichter-Metapher auch auf unser Tun übertragen würden. Die Aufgabe eines Schiedsrichters besteht darin ein Spiel (regel-)gerecht über die Bühne zu bringen, unsere Bühne ist das Klassenzimmer, unsere Aufgabe besteht darin unseren Unterricht zu halten, wir haben (hoffentlich) ebenso klare Regeln (wenn nicht, sollten wir sie schnellstens einführen) und ebenso klare Konsequenzen. Wo liegt das Problem?

Als Sportler bin ich da viel lockerer und unkomplizierter. So ist z.B. auf meinem Handout Homework genau beschrieben, was passiert, wenn der Schüler mehrfach seine Hausaufgabe „vergisst“ (= nicht macht). So wie ich meine Schüler im Sportunterricht nach einem groben Foul verwarne, bekommen sie nach der dritten „vergessenen“ Hausaufgabe eine schriftliche Warnung (auf einem Notizzettel). Wenn der Schüler weiterhin foul spielt, bekommt er eine 5-Minuten-Strafe oder wird ggf. für den Rest des Spiels vom Platz gestellt; wenn er seine Hausaufgabe ein viertes Mal vergisst, muss er nachmittags dableiben und z.B. 45 Minuten lang tippen. Das alles läuft ganz ruhig, ohne Geschrei und diese fürchterlichen Ich-Botschaften („Ach, ich bin ja sooo enttäuscht, dass du mein Vertrauen missbraucht hast und wieder gefoult / die Hausaufgabe vergessen / gespickt hast.“). Wenn ich bei einem Fussballspiel ein Foul nicht mitkriege, hat der Spieler halt Glück gehabt, wenn ich nicht mitkriege, dass er gespickt hat, ist es dasselbe. In beiden Fällen weiß er vorher ganz genau, was ihm droht, wenn ich ihn erwische.

Eine Zeitlang habe ich Fussball-Vereinsspiele gepfiffen. Als Neuling lernt man ganz schnell, wie wichtig es ist, sich möglichst frühzeitig Respekt zu verschaffen und Ruhe ins Spiel zu bringen, indem man bei der ersten sich bietenden Gelegenheit eine gelbe Karte zieht und den Spielern frühzeitig signalisiert, wo es langgeht. Ganz genauso verfahre ich, wenn ich in eine neue Klasse komme. Bei der ersten sich bietenden Gelegenheit bekommt ein Störenfried in Form einer Straf-, äh, natürlich Zusatzaufgabe die gelbe Karte und der Rest der Klasse weiß, woran sie ist. Nach meiner Erfahrung ist Disziplin in einer Klasse die Voraussetzung für alles andere. Nur wenn ich eine disziplinierte Klasse habe, kann ich freiere Unterrichtsformen wie Gruppenarbeit, szenisches Gestalten, Freiarbeit usw. ausprobieren. Der umgekehrte Weg, auf diese Art Disziplin herzustellen, funktioniert nach meiner Erfahrung nicht.

Effizienz

Als Sportlehrer arbeite ich ständig in dem Bewusstsein, dass Zeit knapp und kostbar ist. Ab der 7. Klasse habe ich normalerweise nur noch eine lächerliche Doppelstunde pro Woche und bin mir bewusst, dass dies für immer mehr Kinder die einzige Bewegungszeit ist, weil sie die restliche Zeit nur noch vor Fernseher, PC oder Videokonsole hocken und immer dicker werden. Folglich bin ich ständig bestrebt die wenige Zeit möglichst intensiv und effektiv zu nutzen. Entsprechend bin ich bemüht meine lächerlichen drei Stunden Englisch, die ich z.B. in der 10ten habe, möglichst effektiv zu nutzen. Alles muss flott und zügig gehen, es darf keinen Leerlauf geben, die Schüler sollen immer ganz genau wissen, was sie als nächstes machen sollen. Diese Haltung erklärt wahrscheinlich auch zum Teil meine Abneigung gegenüber Arbeitsformen wie Gruppenarbeit, wo m.E. angesichts der aufgewendeten Zeit zu wenig „rauskommt“. Fast immer komme ich zu dem Ergebnis, dass ich eine Aufgabe auch in Partnerarbeit bearbeiten lassen kann, dann spare ich mir schon mal den ganzen Zeitverlust durch Einteilung der Gruppen, Verschieben von Tischen und Bänken und habe gleichzeitig eine viel höhere Intensität.

Leistung

Als Sportler habe ich natürlich auch zur Leistung ein unkompliziertes Verhältnis. Leistung macht Spaß, es ist toll, wenn man nach langem Übung endlich etwas kann. Wettbewerb und der Wunsch besser zu sein als andere, ist etwas ganz Normales, wofür ich mich nicht zu entschuldigen brauche. Gleichzeitig geht es im Sport nicht ausschließlich gegeneinander, ohne Zusammenarbeit werde ich gerade in Mannschaftssportarten keinen Erfolg haben. Niederlagen (= schlechte Noten) gehören auch einfach dazu, kein Mensch kommt auf den Gedanken, dass eine Niederlage im Fussball die Beteiligten „traumatisiert“ und de-motiviert. Im Normalfall gibt’s einen saftigen Anpfiff vom Trainer, es wird die nächsten Male (noch) disziplinierter trainiert und alle strengen sich beim nächsten Spiel mehr an.

Talent

Als Sportlehrer erlebe ich es jeden Tag, dass jemand entweder überhaupt kein Bewegungstalent hat, oder zumindest bestimmte Bewegungen trotz hartnäckigen Übens einfach nicht hinbekommt. Ich erinnere mich noch mit Grausen an einen Mathelehrer der munter behauptete „Jeder kann Mathe“. Was für ein Blödsinn! Natürlich kann nicht jeder Mathe, Sport oder Englisch. Also muss ich den Schülern, die nun mal kein Talent für Sprache(n) haben, möglichst konkrete „How to …“ Gebrauchsanweisungen an die Hand geben, an denen sie sich „entlanghangeln“ können (vgl. z.B. How to Interpret a Cartoon, How to Write a Composition usw).

And now to something completely different:

wordpress.jpg


4 Kommentare zu “Englisch und Sport”  

  1. 1 Kai Lehniger

    Hallo Jochen,
    eine sehr zutreffende Abhandlung zum Thema. Als Sportler und “Engländer” kann ich nur zustimmen und finde deinen Vergleich sehr erfrischend. Ich kann mich zum großen Teil in deinen Gedanken wiederfinden.
    Danke für den tollen Beitrag.
    Kai

  2. 2 Andreas Kalt

    Hi Jochen - ich bin kein Sportlehrer, fand mich aber ebenfalls in vielem wieder. Und ich war freudig überrascht, wie “klärend” und “augenöffnend” manche Parallelen zum Sport sind.

  3. 3 Margit Wenger-Schott

    Liebe Jochen Lüders,
    als ich heute - wie so so oft rein zufällig - auf diesen Blog gestoßen bin, wusste ich sofort, wer dahinter steckt, denn die Jochen Lüders Seite hatte ich schon lange entdeckt und mir auch so manchen Tipp zu Herzen genommen. Nun muß ich - als Franz-Sport-Lehrerin natülich energisch gegen die Abqualifizierung des FranzösischLehrers als solchen protestieren….Meiner Erfahrung nach hat es wenig mit dem jeweiligen Fach zu tun, ob ein Lehrer Einzelkämpfer ist oder nicht…..aber vielleicht sollte man diese Bemerkung ja nicht so ernst nehmen….. Es gab z. B. vor zwei oder drei Jahren eine sehr produktive Internet-Plattform für F-Lehrer in Bayern, die aber dann leider wegen rechtlicher Bedenken aufgelöst wurde….
    Habe seit wenigen Tagen nun auch ein e-mail-account unter googlemail und Ihren Blog sofort suscribed……vieles gilt ja für F-Unterricht ganz geanuso….
    Außerdem wollte ich bei den langweiligen frenchsprofs auch die Möglichkeit einer gemeinsamen link-Sammlung anregen, nachdem mit einer meiner Söhne vorgestern von del.icio.us erzählt hat…..klingt echt praktisch, das schreiben Sie ja auch!
    A bientôt

  1. 1 Training für den Erfolg « Rebound


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